Muss ich eine drohende oder vorhandene Behinderung dem Arbeitgeber melden?

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Nach einem Unfall oder eine schwere Erkrankung ist die Neuorganisation des Lebens unausweichlich. Das betrifft auch den Arbeitsplatz. Im Folgenden gehen wir den Fragen nach, ob es angebracht und sinnvoll ist, eine drohende oder vorhandene Behinderung, oder gar Schwerbehinderung, dem Arbeitgeber zu melden.

Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) müssen Menschen mit Behinderung oder mit einer bevorstehenden Behinderung dem Arbeitgeber nichts davon mitteilen. Wenn die Ausführung der beruflichen Tätigkeit dadurch allerdings erschwert oder gar unmöglich wird, muss der betreffende Arbeitnehmer seinen Chef darüber in Kenntnis setzen. Dieser darf seinen Mitarbeiter auch danach fragen. Er darf jedoch nicht nach der Ursache, bzw. der zugrundeliegende Erkrankung fragen, denn das wäre Diskriminierung – so bestimmt es die EU Richtlinie 2000/78/EG.

 

Hintergrund der gesetzlichen Regelung

Viele Arbeitgeber haben Vorurteile. Sie zweifeln an der Leistungsfähigkeit von Arbeitnehmern mit Behinderung und machen ihnen eventuell das Leben im Betrieb unnötig schwer. Auch Bewerber mit Behinderung könnten, wegen der besagten Vorurteile, Schwierigkeiten bekommen. Zwar ist es nicht erlaubt, sie aufgrund ihrer Behinderung abzulehnen, aber der Arbeitgeber könnte noch zig andere Begründungen vorschieben.

Oftmals ist es dennoch sinnvoll, mit offenen Karten zu spielen. Als nächstes gehen wir auf die Vor und Nachteile des offenen Umgangs mit der Behinderung ein.

 

Nachteile beim Verschweigen der Behinderung

Wenn Sie Ihren Chef und die Kollegen nicht über Ihre Behinderung in Kenntnis setzen, müssen Sie einige Nachteile in Kauf nehmen, bzw. auf die sogenannten Nachteilsausgleiche verzichten, die Ihnen entsprechend dem Grad der Behinderung, zustehen. Hier ein paar Beispiele:

 

Verzicht auf zusätzliche Urlaubstage

Menschen Behinderung stehen fünf zusätzliche Urlaubstage zu. Wenn der Arbeitgeber jedoch nichts von Ihrer Behinderung ahnt, verliert sich der Anspruch. Dabei ist es gerade für Kranke oder Behinderte wichtig, sich gebührend zu erholen.

Verzicht auf Freibeträge

Behinderte und schwerbehinderte Personen erhalten steuerliche Freibeträge, die sich positiv auf das Netto-Einkommen auswirken. Somit fällt ihr Verdienst niedriger aus, wenn Sie schweigen.

Keine Zuschüsse zum Arbeitsentgelt bei reduzierter Arbeitsleistung

Wenn Sie nicht mehr die volle Arbeitsleistung erbringen können, so kann der Arbeitnehmer für Sie beim zuständigen Integrationsamt Zuschüsse beantragen.

Verzicht auf Kündigungsschutz für behinderte Personen

Die Kündigung behinderter Menschen ist nur mit der Zustimmung des Integrationsamtes möglich. Das ist für Sie und auch für den Arbeitgeber ein entscheidendes Detail.

Verzicht auf Stufenweise Wiedereingliederung

Falls Sie Ihre Tätigkeit nach langer Krankheit nicht wieder voll auszuführen vermögen, kann der Arbeitgeber, nach § 28 SGB IX, § 74 SGB V, eine stufenweisen Wiedereingliederung, auch „Hamburger Modell“ genannt, für Sie beantragen. Dabei werden Sie langsam wieder zu Ihrer einstigen Arbeitsleistung zurück geführt. Während dieser Maßnahme erhalten Sie Krankengeld von Ihrer Krankenkasse.

Verzicht auf berufliche Rehabilitation

Falls Sie Ihre ursprüngliche Tätigkeit nicht mehr oder nur eingeschränkt ausüben können, steht Ihnen unter bestimmten Voraussetzungen eine Maßnahme zur beruflichen Rehabilitation, auch Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben genannt, zu. Der Staat übernimmt, falls erforderlich, auch Aus- und Weiterbildungskosten sowie Kosten zur beruflichen Neuorientierung.

 

Verzicht auf behindertengerechte Umbauten im Arbeitsumfeld

Vielleicht benötigen Sie besondere Sitzmöglichkeiten, eine Behindertentoilette, oder eine Möglichkeit zum Essen und Spritzen, falls Sie Diabetiker sind. Auf all das müssten Sie verzichten, sich quälen und verstecken, wenn niemand von Ihrer Erkrankung etwas erfahren soll.

 

Wissen kann Leben retten

Ferner kann es in Notsituationen lebensrettend sein, wenn der Chef und die Kollegen über die Erkrankung informiert sind. Bei einem Diabetiker Typ I, zum Beispiel, können sie den Rettungskräften sofort Beschied geben oder selbst entsprechende Maßnahmen in die Wege leiten.

 

Vorteile beim Verschweigen der Behinderung

Behinderte Menschen nehmen, wie vorhin aufgezeigt, viele Nachteile auf sich, wenn sie ihre gesundheitliche Verfassung verschweigen. Die Vorteile sind hingegen ziemlich gering. In einem reaktionären, behindertenfeindlichen Arbeitsumfeld ist es natürlich nicht einfach, sich zu „outen“. Die betreffenden müssen Vorurteile, Repressionen, oder gar Mobbing und Diskriminierung befürchten. Aber dagegen gibt es Gesetze. Nur stellt sich die Frage, ob ein Mensch der gerade eine schlimme Diagnose bekommen hat, auf der Arbeit Kämpfe austragen möchte, bzw. ob er überhaupt dazu in der Lage ist. Besser wäre es schon, und zwar für alle Kranken und Behinderten. Je mehr Menschen mit offenen Karten spielen und je mehr sich durchkämpfen, desto selbstverständlicher wird es, dass Behinderte und Schwerbehinderte in die Betriebe integriert werden.

 

Vorteile für den Arbeitgeber bei Nichtmeldung der Behinderung oder der bevorstehenden Behinderung

Der Arbeitgeber spart die Ausgleichsabgabe sowie eventuelle Leistungen zur Teilhabe. Dazu kommt er um die behindertengerechte Umgestaltung des Arbeitsplatzes herum.

 

Vorteile des Arbeitgebers beim offenen Umgang mit der Behinderung

Wie im vorherigen Absatz gesehen, ist der Arbeitgeber, sobald er über Ihre Behinderung informiert ist, in der Pflicht, gewisse Dinge zu gewährleisten. Allerdings kann er hierfür Zuschüsse beantragen. Dazu kann er nach SGB III Fördermittel für die Einstellung von Behinderten und Schwerbehinderten beziehen. Die Arbeitsagentur übernimmt bis zu 70 Prozent der Bezüge. Falls Sie ihre Arbeitsstelle neu antreten und die Karten auf den Tisch legen, kann ihr Arbeitgeber das Entgelt für Sie, für die Dauer von drei Monaten, von der Arbeitsagentur erstattet bekommen.

Ferner müssen Arbeitgeber eine Ausgleichsabgabe zahlen, wenn sie keine Menschen mit Behinderung beschäftigen. Wenn Sie nicht ehrlich sind, muss ihr Arbeitgeber Zahlungen leisten, die gar nicht gerechtfertigt sind. Somit kann es sogar sein, dass er Ihnen für die Ehrlichkeit dankbar ist.

 

Behinderung melden oder nicht?

Die Entscheidung können wir Ihnen nicht abnehmen. Aber angesichts der Vor- und Nachteile wäre Ehrlichkeit für beide Seiten die bessere Alternative.

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